Sie ist zurück: Tatjana Pinto holt Sprint-Double bei der DM in Berlin

Manchmal kommt es besser als man denkt: Bei den 119. Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften am Wochenende in Berlin meldeten die westfälischen Leichtathleten im Vorfeld den Ausfall von sieben potentiellen Medaillen-Kandidaten. Dennoch fiel die Ausbeute mit dreimal Gold, einmal Silber und zweimal Bronze noch annehmbar aus. Großen Anteil an dieser Bilanz hatten vor allem Sprinterin Tatjana Pinto (LC Paderborn), die drei Medaillen mit nach Hause brachte, und 400-Meter-Überraschungssieger Manuel Sanders (LG Olympia Dortmund). Auch mit dem Hochsprung-Silber von Falk Wendrich (LAZ Soest / 2,19m) hatten nur wenige gerechnet.

Wenn sie fit ist, liefert sie immer Top-Zeiten ab. Im Berliner Olympiastadion gab es für Tatjana Pinto kein Halten mehr. Nachdem die 27-jährige Paderbonerin bereits im Vorlauf erstklassige 11,14 Sekunden vorgelegt hatte, fegte sie am ersten Wettkampftag im Finale die 100 Meter in der Weltklassezeit von 11,09 Sekunden herunter und setzte sich damit vor Gina Lückenkemper (SCC Berlin / 11,22 Sek.) durch. Das Double perfekt machte sie 24 Stunden später mit ihrem 200-Meter-Sieg in der neuen persönlichen Bestzeit von 22,65 Sekunden (gleichzeitig WM-Norm). Doch damit war ihr Medaillenhunger noch nicht gestillt. Als Schlussläuferin des LC Paderborn (Butzek, Kölsch, Kub, Pinto / 44,22 Sek.) konnte sie sich noch über eine Bronzeplakette freuen.

Es waren mehrere Faktoren, die Tatjana Pinto zu diesen Leistungen beflügelten. Zum einen spielen natürlich ihre Willensstärke und ihre Fokussierung auf wichtige Wettkämpfe eine große Rolle, zum anderen hat sie ihren Coach gewechselt und und konnte damit neue Trainingsreize setzen. Hinzu kommt, dass sie sich in den vergangenen Wochen im Olympiastützpunkt Westfalen in Bochum-Wattenscheid auf ihr Comeback gewissenhaft vorbereitete und dort auch im Internat lebte.

"Ich hatte gespürt, dass noch mehr drin ist"

„Das Sprinten macht mir wieder richtig Spaß", strahlte sie nach ihrem 100-Meter-Triumph. "Meine 100- und 200-Meter-Zeiten in Berlin zeigen, dass bei mir inzwischen alles runder läuft. Ich denke, ich konnte das, was mir mein Coach vorher mitgegeben hat, ganz gut umsetzen. Das sieht man ja an den Zeiten", freute sich die neue Sprint-Queen, die bereits beim Diamond League-Meeting in London ihre hervorragende Form angedeutet hatte. "Ich hatte mir nach London vorgenommen, in Berlin nochmal schneller zu laufen. Im Training hatte ich nämlich gespürt, dass da noch einiges mehr für mich drin ist."

Noch vor einigen Monaten war für Tatjana Pinto, die bereits 2014 und 2016 deutsche 100-Meter-Meisterin war, an solche Zeiten nicht zu denken. Sie hatte Probleme mit ihren Sitzhöckern und konnte daher auch keine Hallensaison absolvieren. Nun ist sie wieder schmerzfrei und schöpft große Hoffnungen im Hinblick auf die Weltmeisterschaften vom 29. September bis 6. Oktober in Doha (Katar), wo sie nicht nur im Einzellauf, sondern auch in der Staffel berechtigte Finalchancen hat.

Manuel Sanders gelingt Überraschung über 400 Meter

Für ein Highlight aus westfälischer Sicht sorgte auch Manuel Sanders (LG Olympia Dortmund), der im 400-Meter-Finale in der neuen persönlichen Bestzeit von 45,86 Sekunden überraschend den Titel gewann. „Ich wusste nach den U23-Europameisterschaften in Gävle, als ich in der 4x400-Meter-Staffel die Stadionrunde fliegend in 45,1 Sekunden zurücklegte, dass ich etwas drauf hatte. Mit solch einer Steigerung und dem Titelgewinn habe ich aber nicht gerechnet", befand der 22-jährige Viertelmeiler, der seine Laufbahn bei der TSG Dülmen begann und zum Jahreswechsel zur LG Olympia Dortmund gewechselt ist. Manuel Sander lag bei seinem Erfolg bei 300 Meter noch an dritter Stelle. Auf der Zielgeraden profitierte er von seinem enormen Stehvermögen und gestaltete das Rennen noch um. „Da ich auf den letzten Metern unwahrscheinlich stark bin, war ich mir ziemlich sicher, dass sich da noch einiges machen lässt. Dass im Endeffekt alles zu meinen Gunsten ausgegangen ist, muss jetzt erst einmal verarbeiten", meinte der Überraschungssieger von Berlin, der im Olympiastadion eine große Dortmunder Leichtathletik-Tradition wieder aufleben ließ.

Seine jüngste Steigerung verdankt er vor allem seinem Coach Thomas Kremer, der bei der Trainingsdosierung beim ihm das richtige Maß gefunden hat. Der 21-jährige Dortmunder, der bei einer Evenagentur arbeitet, kann Beruf und Sport gut unter einen Hut bringen, denn er hat mit seinem Arbeitgeber abgesprochen, dass er nur 15 Stunden in der Woche arbeitet.

Endspurt reicht nicht für Petros

Auf den Punkt topfit war Neele Schuten (TV Gladbeck), die im 100-Meter-Hürden-Finale in 13,44 Sekunden auf den Silberrang stürmte. Die Athletin von Heiner Preute hatte sich mit ihrer Vorlaufzeit von 13,59 Sekunden sicher für den Endlauf qualifiziert. Nach der verletzungsbedingten Absage von  Teamkollegin Pamela Dutkiewicz vertrat Monika Zapalska würdig die Farben des TV Wattenscheid und erkämpfte sich in 13,58 Sekunden den fünften Rang. Allerdings war sie nicht zufrieden mit dieser Platzierung, denn sie hatte einen der Vorläufe mit 13,38 Sekunden gewonnen, sodass für sie eine Plakette in Reichweite schien.

Der 5.000-Meter-Lauf der Männer war ein taktisch bestimmtes Rennen. Amanal Petros (TV Wattenscheid) machte in den letzten Runden richtig Dampf, doch er musste in der Schlussrunde in 14:02,99 Minuten Richard Ringer (LC Rehlingen / 14:01,69 Min.) und Sam Parsons (Eintracht Frankfurt / 14:02,38 Min.) den Vortritt lassen. Petros, der den Spurt anzog, legte die letzten 1.000 Meter in 2:29 Minuten zurück.

Keine Panik bei Daniel Jasinski

Im Diskuswerfen der Männer hatte sich Daniel Jasinski (TV Wattenscheid) eine Medaille und die WM-Norm von 65,00 Metern vorgenommen. Beide Ziele konnte der Olympiadritte von 2016 nicht erreichen, denn er hat nach seinen Adduktoren-Problemen seinen Trainingsrückstand noch nicht aufholen können und musste sich daher mit dem unbeliebten vierten Rang und der Weite von 61,99 Metern begnügen. „Mir fehlen die Würfe, weil ich wegen meiner Probleme im Training mit den Beinen nichts machen konnte", berichtete der Zwei-Meter-Hüne. In Panik wird er jetzt nicht geraten, denn er ist zuversichtlich, dass er bei geeigneten Wettkämpfen die WM-Vorgabe noch schaffen wird.

Eric Balnuweit (TV Wattenscheid), der in den vergangenen Jahren zahlreiche Titel und Medaillen im Hürdensprint gewonnen hatte, ging dieses Mal ebenfalls leer aus. In 14,11 Sekunden belegte er im 110-Meter-Hürden-Finale den vierten Rang. Dabei hatte er sich nach seinem Vorlauferfolg in 14,01 Sekunden noch Hoffnungen auf eine Plakette gemacht.

„Auch ein vierter Platz kann manchmal so viel wert sein wie eine Medaille", hatte der Manager des TV Wattenscheid, Michael Huke, im Vorfeld gesagt. Diese Aussage trifft im Nachhinein auf Julia Ritter (TV Wattenscheid) zu, die im Kugelstoßen mit 17,63 Meter eine neue persönliche Bestzeit stieß und damit Vierte wurde. Die frühere U18-Weltmeisterin wurde in Berlin auch als Sprinterin gefordert, denn sie pendelte immer zwischen Kugelstoßen und Diskuswerfen, das sie als Siebte mit guten 56,01 Meter abschloss. Ihrer Teamkollegin Annina Brandenburg gelang mit Platz acht und der Weite vob 51,88 Meter ebenfalls ein erfreulicher Saisonabschluss.